Mr. May // Film // Produktionsnotizen

Produktionsnotizen

ENTSTEHUNG    Am Anfang von ‚Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit‘ stand für Uberto Pasolini ein Zeitungsinterview mit einem ‚Funeral Officer‘, einem Angestellten der Londoner Kommunalverwaltung, der Beerdigungen für Menschen ohne Hinterbliebene organisiert. „Ich war beeindruckt von der Vorstellung dieser einsamen Beerdigungen und verlassenen Gräber. Das ist ein sehr starkes Bild“, erzählt Uberto Pasolini. „Ich begann über Einsamkeit und Tod nachzudenken, darüber, was es bedeutet, Teil einer Gemeinschaft zu sein und wie sehr der Aspekt von Nachbarschaftlichkeit für viele Menschen verschwunden ist. Welchen Wert misst die Gesellschaft individuellem Leben zu? Warum werden so viele Leute vergessen und sterben vereinsamt? Ich denke, dass die Qualität unserer Gesellschaft im Grunde durch den Wert bestimmt wird, den sie ihren schwächsten Mitgliedern zuerkennt. Die Art und Weise, wie wir mit den Toten umgehen, reflektiert den Umgang in unserer Gesellschaft mit den Lebenden. Für mich ist der respektvolle Umgang mit den Toten, die Würdigung vergangenen Lebens grundlegend für eine Gesellschaft, die sich zivilisiert nennen möchte.“

RECHERCHE     Pasolini traf sich mit dem „Funeral Officer“ aus dem Zeitungsinterview, um mehr über die Hintergründe der städtisch organisierten Beisetzungen zu erfahren. „Das ist ein Job, den es schon immer gegeben hat. In allen Bezirken von London gibt es einen ‚Funeral Officer’. Ich habe ungefähr dreißig von ihnen getroffen, mit ihnen gesprochen, sie in die Wohnungen der Verstorbenen begleitet, über 6 Monate bin ich zu Beerdigungen und in die Krematorien gegangen. Einige haben ein eher bürokratisches Verhältnis zu ihrer Arbeit, andere wenden viel Aufmerksamkeit für die auf, die da alleine gestorben sind.“

Noch während der Recherche begann Pasolini das Drehbuch zu schreiben, wobei ihm mit der Figur des John May ein Protagonist vorschwebte, der auch in seinem eigenen Leben mit Einsamkeit umgehen und nun, in seinem letzten Fall, selbst den Sprung ins Leben wagen muss. „John May ist natürlich eine fiktive Figur, aber er trägt Züge von einigen der echten ‚Funeral Officers’, die ich bei der Recherche kennengelernt habe. Eigentlich gibt es in diesem Film nicht sehr viel, was vollständig erfunden ist. Sogar viele der Postkarten und Fotos, die wir im Film verwendet haben, sind echt.“

Bald entschied sich Pasolini dafür, nicht nur das Buch zu schreiben und zu produzieren, sondern auch die Regie zu führen. „Ich wollte sehr bewusst einen ruhigen Film machen. Die Orientierung für meine filmischen und visuellen Vorstellungen waren dabei vor allem die späten Filme von Ozu, mit ihren ruhigen, aber immens kraftvollen Bildern alltäglichen Lebens.“

»Ich wollte keinen Film über den Tod machen, sondern einen über das Leben. Es gibt heute viele vereinsamte Menschen, und mein Protagonist ist einer, der sich um diese verlorenen Seelen kümmert. Jemand, der ihnen zum Abschied noch einmal das schenken will, was sie im Leben nicht mehr hatten: die volle Aufmerksamkeit.« (Uberto Pasolini)

EINSAMKEIT    Vielleicht, meint Pasolini, habe ihn das Thema auch deshalb so gepackt, weil er in seinem eigenen Leben gerade Erfahrungen mit Einsamkeit gemacht hatte. „Meine Ehe war kurz vorher geschieden worden, und zum ersten Mal in 20 Jahren erlebte ich wieder, was es heißt, in ein leeres, stilles, dunkles Haus heimzukommen. Ich machte in allen Zimmern das Licht an, ich ließ das Radio laufen – all diese Dinge, die man macht, um sich nicht allein zu fühlen. Dieses Gefühl der Einsamkeit kehrte an den Tagen wieder, an denen ich meine Kinder nicht sah. Ich habe versucht mir vorzustellen, wie es wäre, ein solches Leben permanent zu haben, in dem die einzige Art der Kommunikation darin besteht, ein paar Worte mit der Kassiererin im Supermarkt zu wechseln. Und ich habe mich gefragt, wie es ist, einsam zu sterben.“

JOHN MAY    Die Komplexität der Figur liegt für Pasolini vor allem im Erleben und in der besonderen Wahrnehmung der Einsamkeit. „John May nimmt seine Einsamkeit eigentlich nicht wahr. Ihm fällt nicht auf, dass es ein anderes Lebens für ihn geben könnte. Wir neigen dazu anzunehmen, dass alle mehr oder weniger ähnlich denken und fühlen wie wir. Und wenn es um Einsamkeit und Alleinsein geht, projizieren wir oft unsere eigenen Ängste in die Leute um uns herum. Aber es gibt Menschen, deren Leben uns vielleicht leer erscheint, die aber in ihrer Selbstgenügsamkeit andere Bereiche im Leben haben, die sie erfüllen. John Mays Leben ist eben nicht nur einsam, es ist auch „erfüllt“, mit all diesen vergessenen Leben, denen er sich in seinem Beruf mit Hingabe widmet. Wenn wir sein Leben so respektieren, wie er es führt, freuen wir uns vielleicht um so mehr, wenn er sich im Verlauf der Geschichte dann zu öffnen beginnt und Neues wagt.“

»John May hat ein sehr strukturiertes Leben, bis er mit seinem Job auch sein Refugium verliert. Er ist gezwungen, sich mit dem Kopf voraus dem Leben zu stellen. Mit seinem letzten Fall, wenn er das Leben von Billy Stoke recherchiert, der ihm gegenüber gewohnt hat, beginnt er sich zu öffnen: Weil ihm dieser Billy so nah ist, weil dessen verwahrloste Wohnung gewissermaßen das verzerrte Spiegelbild seiner eigenen Wohnung ist. Er wird sich seiner eigenen Sterblichkeit bewusst. Das Leben verpasst ihm eine Ohrfeige.« (Eddie Marsan)

EDDIE MARSAN   Bereits als er am Drehbuch schrieb, hatte Uberto Pasolini Eddie Marsan für die Hauptrolle im Kopf. Marsan, der mit so renommierten Regisseuren wie Martin Scorsese, Steven Spielberg, Mike Leigh oder JJ Abrams zusammenarbeitete, hatte bis dahin noch nie eine Hauptrolle in einem Kinofilm übernommen. „Ich wusste, dass Eddie Marsan die Komplexität der Figur mit seiner unglaublichen Fähigkeit zum subtilen Spiel darstellen könnte“, erzählt Pasolini, der an Marsan auch festhielt, als bei der Finanzierung des Films Zweifel an der Zugkraft des Namens aufgekommen waren.

Eddie Marsan war von der Sensibilität des Drehbuchs sofort angetan. „Das ist eine faszinierende und wunderschöne Geschichte über Sterblichkeit, über Einsamkeit und die Notwendigkeit, sein Leben mit anderen zu teilen“, sagt er. „Ubertos Buch ist tief und aufrichtig empfunden und bis zur Schmerzlichkeit berührend. Es geht um Leben und Sterben, um Freundschaft, Familie, Gemeinschaft – das ist eine Geschichte, die wirklich von Herzen kommt, und das macht sie so einzigartig. Ich wollte die Rolle unbedingt spielen.“

MARSAN ÜBER MR. MAY    In der Rolle des John May lag für Marsan eine besondere Herausforderung als Schauspieler. „Ich wusste, dass es solche Sachbearbeiter für Beerdigungen gibt, aber es war mir nicht klar, wie isoliert oder wie exzentrisch diese Arbeit sein kann. Bei John May dachte ich, dass er zwar isoliert ist, aber nicht allein. Er ist ein sehr ungewöhnlicher Mensch, er spricht nicht viel – deswegen war es wichtig zu zeigen, was er denkt. Es ging um eine Darstellung von innen heraus, was schwierig ist zu spielen. Man muss herausarbeiten, was er fühlt, um das dann gewissermaßen nicht auszudrücken. Aber das macht für mich eine gute Rolle aus: mir ist eine Figur lieber, die komplex und authentisch ist, als eine, die im Dialog ihr Innerstes nach außen kehrt.

»Eddie Marsan ist ein Schauspieler, der unendlich viel ausdrückt und gibt, während es so aussieht, als würde er ganz wenig machen. Ich wollte einen zurückhaltenden Film, um die Emotionen der Zuschauer anzusprechen. Eddies Talent, seine Meisterschaft und Menschlichkeit brachten eine große Wahrhaftigkeit in die Handlungen und die kleinen Veränderungen, die das Leben der Figur charakterisieren.« (Uberto Pasolini)

JOANNE FROGGATT    Auf Joanne Froggatt, mittlerweile vor allem bekannt für ihre Rolle der Anna in der weltweit erfolgreichen TV-Serie Downton ABBEY, wurde Uberto Pasolini durch den Film IN OUR NAME aufmerksam. „Ich habe eine Schauspielerin gesucht, die Verletzlichkeit mit einer Ausstrahlung von Optimismus und Hoffnung verbinden kann“, sagt Pasolini. „In IN OUR NAME ist Joanne genau das brillant gelungen, sie verkörpert sowohl Stärke wie Verletzlichkeit in einer vollständig glaubwürdigen Figur.“

Joanne Froggatt sieht Kelly als eine sympathische, im Grunde normale Frau. „In ihrer Vergangenheit wurde sie tief verletzt, weil ihr Vater sie im Stich gelassen hat, nun hat sie ihr Leben neu eingerichtet, mit ihrer Arbeit mit den Hunden im Tierheim“, sagt Froggatt. „Sie hat etwas von einer Einzelgängerin. Was mich an dieser Geschichte so angezogen hat, war ihre Ungewöhnlichkeit. Ungewöhnliche Geschichten ziehen mich immer an, es gibt sie sehr selten. Es ist eine sehr zärtliche Geschichte mit einem faszinierenden Thema, über das ich vorher nichts wusste. Im Kern geht es um das Leben, darum, wie wir mit anderen Menschen zusammenkommen. Es liegt eine Traurigkeit in der Geschichte, aber auch eine große, wirkliche Wärme – wie einander unbekannte Menschen zusammenkommmen. Als ich dann noch erfahren habe, dass Eddie Marsan die Hauptrolle spielen würde, war ich um so begeisterter, ich war immer ein großer Fan von ihm. Er bringt immer etwas Unerwartetes, Eigenes, Authentisches mit ein, es ist unglaublich interessant, ihm bei der Arbeit zuzusehen, man wird komplett hineingezogen in das, was er macht. “

Dem unabhängigen Kino fühlt sich Joanne Froggatt besonders verbunden. „Es ist mir wichtig, dass Filme wie dieser gemacht werden können. Uberto ist Autor, Regisseur und Produzent des Films, er bringt eine umfassende künstlerische Vision mit. Es war wunderbar, mit jemandem wie ihm zu arbeiten, weil es so viel Leidenschaft und Hingabe gibt. Uberto hat ein großartiges Gespür für die emotionale Entwicklung der Figuren und einen untrüglichen Blick für Ausstattung und Design. Im Grunde sind solche Filme die schönsten Arbeiten für mich: man macht sie aus wirklicher Liebe.“

»Die Kamera ist fast immer unbewegt. Die Welt musste mit den Augen der Hauptfigur wahrgenommen werden – deshalb haben wir fast immer aus seiner Perspektive gefilmt. John ist sich nicht bewusst darüber, dass er ein begrenztes Leben führt. Er fühlt ein tiefes Verständnis für die anderen, aber nicht für sich selbst. Aber wenn sich die Geschichte entwickelt, gewinnt sein Leben an Farbe. Die verschiedenen Geschmäcker des Lebens: der Film ist in gewisser Weise eine Reise der Wiederentdeckung der Sinne.« (Uberto Pasolini)

VISUELLES KONZEPT   Über die filmische Umsetzung hatten Uberto Pasolini und sein Kameramann Stefano Falivene klare Vorstellungen: ruhige Einstellungen einer zunächst sorgfältig geordneten Welt, um das Leben aus der Perspektive von John May sichtbar und erfahrbar zu machen. “Ich wollte explizit keine over-the-shoulder-Einstellungen auf John May“, sagt Uberto Pasolini. „Es ging mir darum, dass die Zuschauer eine möglichst eigene und persönliche Beziehung zu ihm aufbauen können. Wir sind immer bei ihm und mit ihm, niemals bei jemand anderem. Das ändert sich erst, als er Kelly trifft. In den Szenen mit Kelly haben wir zum ersten Mal auch over-the-shoulder gedreht, danach auch Einstellungen wie die von May und den beiden Obdachlosen auf der Kirchentreppe. An diesem Punkt der Geschichte wird er filmisch mit den anderen Menschen auf eine neue Weise verbunden. Das sind Details, aber solche Überlegungen haben mir geholfen, die Einstellungen und die Kameraperspektiven zu  bestimmen.”

FARBEN   Gemeinsam mit der Szenenbildnerin Lisa Marie Hall und der Kostümbildnerin Pam Downe legte Pasolini die Farbpalette des Films fest. “Der Film ist auf gewisse Weise eine Reise des Erwachens der Sinne, deswegen haben wir uns überlegt, den Film in entsättigten Farben zu beginnen und nach und nach mehr Farbe hineinkommen zu lassen. Am Anfang des Films dominieren Pastelltöne, Grau-, Blau-, Brauntöne, und je weiter die Geschichte sich entwickelt und John May sich der Welt öffnet, desto mehr Farben kommen dazu.“

Gedreht wurde in London und im Südosten Englands. “Die Dreharbeiten verliefen ziemlich problemfrei“, wie sich Pasolini erinnert, „wir mussten nie Kompromisse oder Abstriche an dem machen, was wir vorhatten. Der Film ist, zumal bei seinem relativ geringen Budget, ziemlich komplex, es gibt eine Vielzahl von Locations in unterschiedlichen Teilen des Landes. Wir konnten das umsetzen, was wir vorhatten, weil wir gut vorbereitet waren und uns im Stil um eine konzentrierte Einfachheit bemüht haben.“

Eine besondere Freude war für Uberto Pasolini die Arbeit mit Marsan und Froggatt. “Wir haben am Set viel an Feinheiten und Nuancen gearbeitet, was möglich war, weil Eddie und Joanne so herausragende und übrigens auch geduldige Schauspieler sind. Durch ihre Brillanz ist es gelungen, die Tonalität zu verwirklichen, die ich im Kopf hatte, als ich das Buch schrieb. Besonders stolz bin ich bei diesem Film auf die Leistung von Eddie Marsan. Jeder weiß, was für ein außergewöhnlicher Schauspieler er ist, aber er hatte bis dahin noch keine Hauptrolle in einem Film gespielt. Ich bin glücklich, dass das zum ersten Mal in meinem Film passiert ist.“

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